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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 1. Das Projekt Jacobsweg



peter
02.04.2012, 01:26
Während meiner Studentenzeit habe ich mein Geld bei einem Fahrradkollektiv verdient. Nunja, richtig Kohle habe ich da nicht gemacht, aber ich hatte immer zugriff auf die neuesten Komponenten und das Know-How dieser Zeit. Damals fing die Gütersloher Gruppe an, die ersten Fernreisebikes bekannt zu machen. Und über den Teich schwappten auch schon die ersten Mountainbikes.

Da ich schon damals alles ganz genau wissen wollte, habe ich mich ziemlich in die Materie reinversetzt. Nach umfänglicher Literaturstudie und Testläufen hatte ich sogar ein kleines Computerprogramm geschrieben, mit dem ich berechnen konnte, wie ich ein Laufrad so bauen musste, dass es auch der vorgesehenen Belastung standhielt. Deshalb waren die von mir gebauten Laufräder immer ausgesprochen beliebt...

Natürlich habe ich mir einige Bikes selbst gebaut. Aber irgendwann (als ich dann angefangen habe, computer zu verkaufen) hatte ich genug Geld übrig, um mir ein Bike nach Mass bauen zu lassen. Der beste Bikehersteller Deutschlands war damals Meister Sattler mit seiner Marke Technobull. Absolute Präzision. Technische topp innovativ. Die besten Materialien. Bis in Kleinigkeiten (Muttern etc.) Handgefertigt.

Inspiriert hat mich das Buch von Arne Körtzinger "Allein durch Island per Fahrrad". Der fuhr mit dem ersten Technobull MTB Prototypen durch Island. Ohne Pannen. Das Bike war ein Prototyp des späteren "Sherpa". Gebaut für ewige Haltbarkeit. Mofa-Speichen, Stahlrahmen, Kettenblattschutz, Umwerferschutz.

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(Bild Badbushido, Technobull - MTB-News.de | IBC Mountainbike Forum (http://www.mtb-news.de/forum/showthread.php?t=23804))


Das war 1988. Es wurde auf Mass gebaut, mit allem was Gut und Teuer war (und allem handgefertigtem Zubehör, das Meister Sattler zu bieten hatte). Bezahlt habe ich 3600,- DM. Eine Menge Geld. Mein Bike war so ausgefallen, das es die Zeitschrift Tour im Sonderheft "Velo-Werkstatt II" als Beispiel für das technisch Machbare abgebildet hat.


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Kurz darauf ging es mir wie vielen anderen: Geld, Karriere, Familie, UL-Fliegen, Motorrad. Ich bin das Rad nicht mehr gefahren, habe es aber jetzt fast 25 Jahre lang bei jedem Umzug mitgeschleppt. Meist stand es in einer Garage oder hing an der Wand einer Stadtwohnung.

Dieses Frühjahr habe ich beschlossen, mit einem Freund zusammen den Jacobsweg, also die Pilgerstrecke nach Santiago de Compostella mit dem Rad zu fahren (Laufen ist nicht so mein Ding). Er mit seinem nagelneuen 29" Trekkingrad, ich mit meinem 30 Jahre alten Technobull Sherpa.

Die folgenden Artikel sollen dieses Projekt begleiten, aber auch eine dankbare Erinnerung an Meister Sattler sein, der leider 1998 viel zu früh verstorben ist.

© 2012, Peter Viczena